ZEICHNUNGEN VON DOMINIKUS UND GOTTFRIED BÖHM. Vater und Sohn in der Sammlung des Deutschen Architekturmuseums
Dominikus Böhm (1880-1955) war einer der herausragenden Baukünstler zwischen den Weltkriegen und in der Nachkriegszeit, vor allem aber einer der großen Pioniere des modernen Kirchenbaus (« Ich baue, was ich glaube »). Anknüpfend an die « christozentrischen » Gedanken der liturgischen Erneuerungsbewegung, die aus passiven Kirchenbesuchern aktive Teilnehmer des Gottesdienstes machen wollte, schuf Dominikus Böhm märchenhaft wirkende Sakralräume in gotisch nachempfundener Faltenstruktur (Vaals 1922, Neu-Ulm 1921-26). Später folgten bahnbrechende Kirchenbauten aus Sichtbetonschalen (Mainz-Bischofsheim 1926, Köln-Riehl 1931) oder robuste monumentale Bogen- und Pfeilerkonstruktionen in Ziegelsteinen.
Sein Sohn Gottfried Böhm (geboren 1920) setzte nach dem Zweiten Weltkrieg diese Arbeit fort, zunächst als Mitarbeiter seines Vaters, dessen Büro er nach 1955 übernahm. Wie Dominikus Böhm baute auch er zahlreiche Kirchen. Mit der Wallfahrtskirche in Neviges (1964) schuf er einen eindrucksvollen Sakralbau in Sichtbeton, der an die Kathedralträume der Expressionisten anknüpft. Zum Meisterwerk geriet das auf die Reste einer mittelalterlichen Burg gesetzte Rathaus in Bensberg (1967), dessen Silhouette an eine Stadt auf der Bergkuppe denken läßt. Eigene Akzente setzte Böhm auch im Wohnungsbau (Köln-Chorweiler 1969-75) und im Museumsbau (Paderborn 1975). Für die Züblin AG in Stuttgart (1982-84) entwickelte er einen neuen Typus des Bürobaus mit einer Erschließung über einen glasgedeckten Innenhof. Die häufig in Sichtbeton errichteten Bauten zeichnen sich durch ein hohes Maß an Originalität, Skulpturalität, Bildhaftigkeit und gemeinschaftsstiftende Raumqualität aus. Für sein Werk erhielt Böhm 1986 mit dem Pritzker-Preis die weltweit höchste Auszeichnung, die für das Gesamtwerk eines Architekten vergeben wird.
In der deutschen Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts stellt die Familie Böhm ein Phänomen eigener Art dar. Das fast hundertjährige, inzwischen in der dritten Generation von den Söhnen Gottfried Böhms praktizierte Engagement in der Baukunst ist das Resultat eines in der Moderne ungewöhnlichen Sonderfalls, wie man ihn sonst nur von Baumeister-Sippen aus der Geschichte kennt. Man denkt an die Parlers aus Ulm, die im 14. und 15. Jahrhundert in mehreren Generationen in Süddeutschland und Böhmen tonangebend tätig waren.
Dem DAM gelang es im Jahre 2003, Gottfried Böhms Vorlass sowie den von ihm gehüteten Nachlass von Dominikus Böhm zu erwerben. Darunter befindet sich eine Vielzahl von Kohlezeichnungen, die mit dem wegen seiner Prägnanz und Sensibilität bewunderten Werkstattstil von Dominikus und Gottfried Böhm einen eigenständigen künstlerischen Wert darstellen. Aber auch die eher konventionellen Entwurfs- und Bauzeichnungen sind als wertvoll zu betrachten, da sie eine wichtige, bei unrealisierten Projekten die entscheidende Quelle zur Untersuchung des Werks der beiden Architekten darstellen.
Die Sammlung des DAM wird damit durch zwei Bestände von hohem künstlerischen Rang bereichert. Besonderer Dank gilt den Förderern, deren finanzielle Unterstützung den Ankauf erst möglich machte. Für großzügige Hilfe bedankt sich das DAM bei der Kulturstiftung der Länder, der Alfred Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, der Speyer‘schen Hochschulstiftung, der Firma Ed. Züblin AG sowie der Stadt Frankfurt am Main.
Der Aufarbeitung im DAM folgte 2005 die Ausstellung Raum ist Sehnsucht. Der Kirchenbauer Dominikus Böhm 1880 – 1955 und 2006 die Ausstellung Felsen aus Beton und Glas. Die Architektur von Gottfried Böhm. Zu beiden Ausstellungen erschienen Kataloge.