KARL GRUBER:
VON DEM FISCHER UN SYNER FRU

Danzig, 1925 - 1933
Inv.-Nr. 091-039-001 bis -012

Manntje, Manntje, Timpe Te,
Buttje, Buttje in der See, mine Fru, de Ilsebill,
will nich so, as ik wol will.

Wer kennt sie nicht, die Ilsebill aus dem Grimmschen Märchen? Nie zufrieden mit dem was sie hat, schickt sie ihren Mann mit immer größeren Wünschen nach Macht und Reichtum zum zaubernden Butt, bis der Bogen überspannt ist. Am Ende folgt dem Aufstieg zu höchsten Würden der jähe Absturz und das Paar findet sich in seiner armseligen Behausung, dem Pisspott, wieder. Die zwölf Zeichnungen, die uns die Geschichte Von dem Fischer un syner Fru in Bleistift, Tusche und Aquarellfarben zeigen, entstanden in den Jahren 1925 bis 1933 und stammen aus dem Nachlass von Karl Gruber (1885-1966).

Zeichenstift und Malblock haben den 1885 in Konstanz geborenen Architekten, Bauhistoriker, Denkmalpfleger und Hochschullehrer Karl Gruber Zeit seines Lebens begleitet. Das kennzeichnet auch seine wissenschaftliche Arbeit. 1913 hatte er bei Friedrich Ostendorf in Karlsruhe mit „Die Entwicklung einer deutschen Stadt von 1250 bis 1750 in zeichnerischer Darstellung“ promoviert. Eine seiner wichtigsten Publikationen, Die Gestalt der deutschen Stadt, die 1937 erstmals und 1952 und 1973 noch einmal in erweiterter Ausgabe erschien, gehört noch heute zur Standardliteratur des Städtebaus. Das Buch gewinnt durch die Illustrationen eine besondere Qualität und ist ohne sie kaum denkbar – Beschreibung, Rekonstruktion und Analyse auch mit dem Zeichenstift. Von 1925 bis 1933 lehrte Karl Gruber an der Technischen Hochschule Danzig, danach berief man ihn an die Technische Hochschule Darmstadt, wo er bis zu seiner zu seiner Emeritierung, 1954, den Lehrstuhl für Städtebau und Gefügelehre der alten Baukunst innehatte. Zu seinen wichtigsten Bauten zählen das Universitätshauptgebäude in Heidelberg (1929), der Rathausentwurf für Rüsselsheim (1952) und der Wiederaufbau von Kirchen, u.a. in Darmstadt und Hanau, für den er als Kirchenbaumeister der Evangelischen Landeskirche in Hessen und Nassau nach 1945 verantwortlich war.

Die Zeichnungen zum Grimmschen Märchen fallen in die Danziger Zeit. Ostseeküste und Architektur der alten Hansestädte müssen Karl Gruber besonders fasziniert haben. Danzig mit seiner Marienkirche, an deren Restaurierung er zu dieser Zeit beteiligt war, wurde von ihm aus unterschiedlichsten Perspektiven in vielen Zeichnungen festgehalten. Man kann die Silhouette der Stadt und die Giebel der Bürgerhäuser auch in den Märchenzeichnungen entdecken, dazu mittelalterliche Burganlagen und Stadtbefestigungen, die ähnlich schon in seiner Dissertation abgebildet sind.

Die Sammlung des Deutschen Architekturmuseums umfasst mehr als 1000 Originalzeichnungen von Karl Gruber, dazu Kopien, Fotomaterial und Schriftdokumente. Der architektonische Nachlass war 1988 von der Familie an das Archiv des Deutschen Architekturmuseums übergeben worden. Die Märchenillustrationen folgten erst in jüngster Zeit. Das DAM dankt der Familie von Karl Gruber für die großzügige Schenkung.

 

Herausgeber: © Deutsches Architekturmuseum Frankfurt a.M., Schaumainkai 43, 10.02.2012