MYTHOS HELLERAU. Ein Unternehmen meldet sich zurück

Eine Ausstellung der Deutschen Werkstätten Hellerau im Deutschen Architektur Museum
05.10.2002 bis 05.01.2003

Als zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts die Debatte um die Architekturreform begann, mit der Architekten und Formgeber sich gegen den Kitsch des Historismus im Kaiserreich wandten, waren die Deutschen Werkstätten Hellerau und ihre Protagonisten Karl Schmidt und Richard Riemerschmid ganz vorn dabei. Das Unternehmen war neben Bauhaus und Werkbund eine der Speerspitzen im Kampf um eine neue, zeitgemäße Form.

Es überstand den Ersten Weltkrieg, die Weltwirtschaftskrise und überlebte auch das "Dritte Reich". In der DDR war es ein Volkseigener Betrieb, dessen nie völlig linientreue Möbel in der Bevölkerung sehr geschätzt waren. Nach der Wende wurde das Unternehmen privatisiert und bestand erfolgreich einen jahrelangen Kampf ums Überleben in der Marktwirtschaft. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung beschrieb am 8. Dezember des Vorjahres: "Heute zählen Innenarchitekten die Möbelwerkstätten Hellerau zu den besten Europas."

Vom ersten Tag an waren qualitativ überlegene Lösungen und ein kluger Umgang mit den Materialien die zentralen Themen von Karl Schmidt. Als praktisch erstes Unternehmen in Deutschland waren die Deutschen Werkstätten Hellerau in der Lage, die Kunst des feinen Handwerks mit der neuen Industriekultur und ihren Maschinen erfolgreich zu kombinieren. Auch heute ist ein Geheimnis des Erfolgs in Hellerau, daß es wieder gelingt, die Fähigkeiten des klassischen Handwerks mit denen modernster Maschinen zusammen zu bringen.

In der Geschichte der deutschen Architektur sind die Deutschen Werkstätten Hellerau ein spannendes ästhetisches, aber auch soziales Experiment. Das gilt besonders für die Gartenstadt, die zu Beginn des letzten Jahrhunderts auf Betreiben von Karl Schmidt entstand. Auch heute noch existiert sie als ein lebendiger Teil Dresdens. Das Unternehmen hat die letzten zehn Jahre nach der Privatisierung genutzt, um sich wieder eine seiner ursprünglichen Bedeutung entsprechende Rolle zu geben. Nun soll im Deutschen Architektur Museum eine erste Bilanz gezogen werden.

Gezeigt wird die Bedeutung der Deutschen Werkstätten Hellerau über fast ein Jahrhundert hinweg, durch Kaiserreich, Weimarer Republik, "Drittes Reich", DDR bis hin zum wiedervereinigten Deutschland. Zu besichtigen sind gut 100 Jahre eines Unternehmens, das in Deutschland Industriegeschichte geschrieben hat unter den verschiedensten politischen Vorzeichen.

Herausgeber: © Deutsches Architekturmuseum Frankfurt a.M., Schaumainkai 43, 26.03.2019