CLAUS BURY. Gegenläufig. Architektur und Skulptur

24. Februar – 22. April 2007

Das Spannungsverhältnis zwischen Skulptur und Architektur bestimmt das Werk des in Frankfurt ansässigen Künstlers Claus Bury. Über die Jahre hat er in zahlreichen Arbeiten das Potenzial von architektonischen Skulpturen ausgelotet. Dazu gehören temporäre Installationen in so verschiedenen Stadträumen wie der Konstabler Wache oder dem Park des Museums für angewandte Kunst. Dauerhaft sind Skulpturen von ihm in Frankfurt an der Mainzer- und Bockenheimer Landstraße zu finden.

Claus Bury wurde 1946 in Meerholz/Gelnhausen geboren. Von 1965 bis 1969 studierte er an der Kunst- und Werkschule in Pforzheim. Auf Einladung des Goethe-Instituts hielt er sich 1979 in Australien auf. Dort schuf er erstmals große ortsbezogene Skulpturen, die seither für sein Werk charakteristisch sind. Für seine Arbeiten erhielt er zahlreiche Stipendien und Förderpreise. Von 1997 bis 2002 hatte Claus Bury eine Professur am Fachbereich Architektur an der Bergischen Universität/Gesamthochschule Wuppertal inne, seit 2003 lehrt er als Professor für Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg.

Unverkennbar sind in den Werkgruppen Burys die architektonischen Elemente – seien es Bezüge zu der elementaren Kraft von Bauwerken früher Kulturen, den Stabwerken alter Industriearchitektur oder den Regeln strenger Proportionsverhältnisse. Mit der architektonischen Dimension geht in vielen seiner Arbeiten auch die Strategie einher, nicht nur ein visuelles Objekt, sondern eine körperlich erfahrbare Raumkonstruktion zu entwerfen. Bury arbeitet dann bewußt mit zwei unterschiedlichen Erfahrungen des Betrachters, einmal der Wahrnehmung der skulpturalen Form in ihrem Umfeld und dem Erleben des Raums beim Durchschreiten oder Ersteigen der Konstruktion. Der Weg und nicht zuletzt die Regie des Blickes aus dem Objekt auf die Umgebung sind zentrale Elemente dieser begehbaren Skulpturen – Themen, die genuin zum Feld der Architektur gehören.

Tendenziell entfernt sich Bury dabei von der Vorstellung des Kunstwerks als einem dem täglichen Gebrauch enthobenen Objekts. Spätestens hier wird der Bildhauer auch zum Architekten. Das gilt zum Beispiel für seine im Zusammenhang mit der Landesgartenschau in Bad Oeynhausen entstandenen Brücken (2000; Beratende Ingenieure: Schlaich, Bergermann und Partner). Im Sommer vergangenen Jahres wurde die bisher größte von Burys begehbaren Skulpturen eröffnet: der „Bitterfelder Bogen“ (Beratende Ingenieure: Bollinger und Grohmann). Auf einem mit Birken bestandenen Abraumberg des ehemaligen Braunkohletagebaus ist eine 28 Meter hohe und 70 Meter weit spannende Stahlskulptur entstanden. In die tragende Bogenstruktur wurde ein Rampenweg eingehängt, der sanft mit Kehren in die Höhe steigt. Am Ende des sich über 540 Meter erstreckenden Weges gibt eine Aussichtsplattform den Blick frei auf die aus den Tagebaubrachen hervorgegangene Seen- und Waldlandschaft um Bitterfeld.

Ausstellung

Die Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum ist als Werkschau über Burys neuere Arbeiten angelegt. Der Titel “Gegenläufig“ bezieht sich auf die gleichnamige Skulptur, die als zentrales Exponat im 1. Obergeschoß des DAM zu sehen ist. Vor dem Hintergrund der für die Ausstellung rostrot gestrichenen Wände tritt deutlich die weiße Struktur des in Oswald Mathias Ungers Museumsarchitektur dominanten Raumgitters hervor. Im Gegensatz zu dieser strengen, kubischen Raumbegrenzung steht die Durchdringung des Raumes in Burys Skulptur. Leicht aus den Achsen des Raumgitters herausgedreht stehen sich zwei an ihren größten Längen jeweils über 13 Meter erstreckende Holzkonstruktionen aus verzapften Balken gegenüber. Die Längenausdehnung der Skulptur ergibt sich aus den Regeln der Fibonacci-Reihe: jeder neue Wert entsteht aus der Addition der beiden vorangegangenen. Von 1 ausgehend entsteht als erster neuer Wert 2, dann 3, 5, 8 und 13. Das sind die jeweiligen Längen der einzelnen Balkenlage der Skulptur. Im Längsschnitt entspricht dem eine Verjüngung nach Oben zur kürzesten Balkenlage und eine Verjüngung zum lang auslaufenden Ende hin. Im Querschnitt wiederum spreizt sich der Abstand der nebeneinander angeordneten Balken v-förmig zum Eckwinkel. Eine doppelte Bewegung ist damit jedem der beiden Skulpturelemente zu eigen. Aufweitung und Verjüngung, Anschwellen und Abflauen stehen in einem gegenläufigen Verhältnis. Als Sprachbild wird es im englischen Titel der Arbeit noch deutlicher: Low Tide – High Tide.

Die Gänge im Erdgeschoß des Museums sind gesäumt von einem Fries aus schwarz/weiß Fotografien der ideellen „Vorbilder“ zu Burys Werken. Dazu gehören anonyme Industriearchitekturen ebenso wie hölzerne Kühltürme, Ballungen von Heustapeln im ländlichen Raum aber auch Architekturen der frühen Kulturen. Im Zentrum der Erdgeschoßhalle werden die verschiedenen Stadien der Genese von Burys Skulpturen vorgestellt. Auf Reisen entstandene Skizzenbücher, in denen Formeindrücke als Gouachen festgehalten sind, großformatige Blätter, die die intendierte Wirkung des Werks erahnen lassen und mit feiner Lineatur ausgeführte Konstruktionszeichnungen. Bezeichnend für die Präzision, mit der Claus Bury seine Projekte angeht, ist seine Arbeit mit maßstäblichen Modellen. Auf zwei zentral platzierten Tischen wird die Fülle seiner Form- und Raumimaginationen vorgestellt.

Katalog

Von Ingeborg Flagge herausgegeben wurde das im Verlag Hatje-Cantz erschienene Begleitbuch zur Ausstellung. Es enthält Texte von Christoph Brockhaus, Martin Burckhardt, Yorck Förster, Gerhard Kolberg, Christa Lichtenstern, Birgit Möckel und Manfred Sack. Deutsch/Englisch, 336 Seiten, ca. 250 Abb., davon ca. 50 farbig, ca. 150 in Duplex, 30,00 x 24,00 cm, € 39,80
Begleitprogramm

Sonderführung mit Claus Bury
Mittwoch 21. März 2007, 18.30 Uhr
Teilnahmekosten: EURO 9,- inkl. einem Glas Prosecco

Vortrag von Claus Bury und Martin Grohmann
DIESE OFFENHEIT MUSS SEIN
Mittwoch 11. April 2007, 19 Uhr

Sonderführung mit Jo. Franzke, Architekt
Mittwoch 18. April 2007, 18.30 Uhr
Teilnahmekosten: EURO 9,- inkl. einem Glas Prosecco

Die Ausstellung wird unterstützt von der Gesellschaft der Freunde des DAM e.V.

Herausgeber: © Deutsches Architekturmuseum Frankfurt a.M., Schaumainkai 43, 14.12.2018