HETEROTOPIA. Arbeiten von Willem van Genk und Anderen

31.05.2008 – 24.08.2008

Der Ausstellungstitel „Heterotopia“ ist dem bekannten Vortrag und Aufsatz „Andere Räume“ von Michel Foucault aus dem Jahre 1967 entnommen. Skizzenhaft entwirft der französische Philosoph darin eine Analyse des Raumes. Raum ist für ihn weder ein abstraktes Kontinuum noch ein neutrales Nebeneinander von Einheiten, sondern eine räumliche Situation, die durch eine komplexe „Gemengelage von Beziehungen“ gekennzeichnet ist. „Heterotopien“ sind somit parallel existierende, soziale Orte, die ein verändertes Beziehungs- und Ordnungsgefüge aufweisen – Enklaven in der Welt, wie z.B. Gefängnisse und Heilanstalten.

Gezeigt werden Arbeiten, die der sogenannten „Outsider-Art“ (dt. „Außenseiterkunst“) zuzurechnen sind: Außerhalb des etablierten Kunstbetriebs entstanden, sind die Urheber dieser Kunst Menschen, die extremen seelischen Belastungen ausgesetzt waren oder ungewöhnliche Erfahrungen in ihrem Leben gemacht haben, von der Gesellschaft ausgeschlossen und ausgegrenzt wurden. Das DAM besitzt eine kleine Sammlung an Outsider-Arbeiten, die in der Ausstellung vorgestellt werden, u.a. die inzwischen auf drei Baukomplexe angewachsene „Zukunftsstadt“ von Stefan Häfner, das Pappflugzeug „Sechsgeschosser“ von Hans-Jörg Georgi – beide haben ihre künstlerische Heimstatt im Atelier Goldstein, Frankfurt am Main – und die Rollenbilder des Patienten N. Ergänzt werden sie durch die Arbeiten weiterer Künstler, denen die Imagination von subjektiv bestimmten Lebensorten und Weltsystemen gemeinsam ist: Da sind etwa die als Stadt- und Maschinenvisionen nur unzulänglich beschriebenen Arbeiten des niederländischen Künstlers Willem van Genk (1927 -2005), die einerseits an Dada, Pop-Art, Collage und Comic erinnern, andererseits viel von der explosiven Kraft vermitteln, die von diesem Maler ausging. Daneben steht das bezaubernde Königreich „Monera“, an dem der ebenfalls niederländische Künstler Gerard van Lankveld bis heute arbeitet. Aus der Heidelberger Sammlung Prinzhorn vom Anfang des 20. Jahrhunderts kommen hinzu die Blätter des Handelsimperiums von Josef Heinrich Grebing und die Arbeiten zur „Villa Laube" von Joseph Schneller.

Die Ausstellung „Heterotopia“ stellt eine speziell für das DAM erarbeitete Überarbeitung der Schau „Schets of Schim. Intuitive Architectuur“ (dt. „Intuitive Architektur. Skizze oder Wahnsinn“) dar, die 2007 im Rahmen des Time Festival Gent im Museum Dr. Guislain, Gent gezeigt wurde. Die Outsider-Arbeiten wurden dabei im Kontext historischer Architektur-visionen gezeigt, die zu großen Teilen aus der Sammlung des DAM stammten – eine Herangehensweise, auf die bei „Heterotopia“ bewusst verzichtet wurde: Gerade der Nicht-Outsider-Art-Kontext des DAM holt Werke ins öffentliche Bewusstsein, die sonst der starken Trennung von anerkannter „Kunst“ und nicht-anerkannter Outsider-Kunst unterworfen sind. Die imaginative Kraft der vorgestellten Arbeiten rührt an der großen Herausforderung der Architektur - der Vorstellung eines gebauten "Gehäuses" der Welt, das im Einklang mit den subjektiven Sehnsüchten seiner Bewohner steht.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Kehrer Verlag, Heidelberg, 128 Seiten, zweisprachig deutsch/englisch.

Herausgeber: © Deutsches Architekturmuseum Frankfurt a.M., Schaumainkai 43, 24.04.2018