JEAN PROUVÉ. Die Poetik des technischen Objekts

13. Mai bis 23. Juli 2006
verlängert bis 30. Juli 2006!

mit Begleitprogramm

Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft von Petra Roth, Oberbürgermeisterin der Stadt Frankfurt am Main

Eine Ausstellung des Vitra Design Museums, Weil am Rhein, in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Architektur Museum, Frankfurt am Main, und dem Design Museum Factory Konsortium der Tokioter Keio Universität. Mit dieser Ausstellung widmet das DAM dem Werk des französischen Konstrukteurs Jean Prouvé (1901-1984) die erste umfassende Retrospektive in Deutschland.

Auf Grund eines wachsenden Interesses an technischen Fragen trat das Werk des französischen Kunstschmieds, Konstrukteurs und Industriellen Jean Prouvé in den letzten Jahren immer mehr in das Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit und erlebte eine hohe Wertsteigerungen. In der Tat hatten seine Erfindungen in der Konstruktion von Gebäuden und Gebäudeteilen, vor allem aber auf dem Gebiet der Vorhangfassaden, ebenso wie seine betont funktionalen Möbel großen Einfluss auf Architektur und Design des 20. Jahrhunderts.

Jean Prouvé begann seine Laufbahn 1916 mit einer Ausbildung als Kunstschmied im Umfeld der von seinem Vater geleiteten École de Nancy, einer Hochburg des Art Nouveau. Seine Kenntnisse ständig erweiternd, richtete er 1924 eine eigene Werkstatt ein und entwickelte sich zu einem Spezialisten auf dem Gebiet der Metallblechverarbeitung. Seine Mitarbeit wurde bald von den innovativsten Architekten seiner Zeit in Anspruch genommen. Nachdem ihm mit einem Auftrag von Robert Mallet Stevens das Entrée zum engeren Kreis der Architekturavantgarde gelungen war, baute er zusammen mit Eugène Beaudouin und Marcel Lods, mit denen er zwischen 1935 bis 1939 nahe Paris seine ersten technischen wie funktionalen Meisterwerke konstruierte hatte, den Fliegerclub Roland Garros in Buc und das Maison du Peuple in Clichy.

Als Gründungsmitglied der Union des artistes modernes zeigte Prouvé ab 1930 auf den Ausstellungen dieser Künstlervereinigung seine ersten Möbel. Die aus Blechen noch einzeln angefertigten Objekte deuten den Charakter der künftigen Arbeiten bereits an: technische Objekte, die für die maschinelle Produktion bis ins Detail so kompromisslos durchdacht und sauber verarbeitet sind, dass es nichts zu verbergen gibt und die Konstruktion selbst als bestimmendes Gestaltungselement wirkt.

Während des 2. Weltkrieges war Prouvé in der Résistance aktiv und wurde nach der Befreiung für kurze Zeit Bürgermeister von Nancy. In der Nachkriegszeit im Rahmen des Wiederaufbaus entwickelte er zahlreiche Gebäude aber auch Möbel. Bereits vor dem Krieg hatte Prouvé eine kontinuierliche Erweiterung seiner Werkstätten mit Maschinen und Mitarbeiter verfolgt und so nahm er 1947 in Maxéville, außerhalb von Nancy, eine ganze Fabrik in Betrieb. Die "Ateliers Jean Prouvé" boten immer neue Produkte an - von hochspeziellen Einzelanfertigungen bis hin zu Fassadenelementen oder Möbeln in großer Stückzahl. In der Zusammenarbeit mit Architekten wie Le Corbusier, Pierre Jeanneret, später Candilis, Josic und Woods, Maurice Novarina und Oscar Niemeyer setzte Prouvé deren Pläne jedoch nicht nur einfach um, sondern leistete immer auch einen eigenen Beiträge zur funktionalen und ästhetischen Qualität ihrer Bauten.

Prouvés Türen, Fenster, Fassadenelemente, konstruktive Systeme und Gebäudeteile, von denen viele mit eigenen Patenten versehen sind, entstanden ebenso wie seine Möbel nie als rein gestalterische Ideen, sondern immer aus der direkten Erfahrung an der Werkbank. Dabei zielte Prouvés technisches Denken auf die größtmögliche, schöpferische Nutzung des funktionalen Potentials von Material und Arbeit, sowohl bei der Herstellung wie auch bei der Montage. Da Möbel die einzigen gebrauchsfertigen Gegenstände waren, die Prouvé vollständig in eigener Regie entwickeln und herstellen konnte, versiegten seine Ideen für diese Objekte in dem Moment, in dem er 1953 die von ihm gegründete Fabrik verlassen musste.

Doch auch ohne sein eigenes "Labor" blieb der Konstrukteur innovativ, und binnen kurzer Zeit gelangen ihm vier überaus eigenständige architektonische Hauptwerke: 1954 das aus Restposten seiner früheren Fabrik zusammengestellte Wohnhaus für sich und seine Familie in Nancy und im selben Jahr ein riesiger Pavillon zur Hundertjahrfeier des Aluminiums am Pariser Seineufer, 1956 der Prototyp eines Fertighauses für das Obdachlosenprogramm des Emmaus-Gründers Abbé Pierre und 1957 die majestätische Trinkhalle von Évian über dem Genfer See.

Zu Prouvés Gesamtwerk gehört neben den Möbeln, Bauten und zahlreichen Patenten nicht zuletzt eine legendäre Lehrtätigkeit von 1958 bis 1971 am renommierten Conservatoire national des arts et métiers (CNAM) in Paris. Mit seiner umfassenden Analyse technischer Objekte und ihrer Produktionsmittel aber auch der Vermittlung seiner eigenen Arbeitsweise und Weltanschauung begeisterte und beeinflusste Prouvé dort nachhaltig eine ganze Generation junger Architekten.

Die eindrucksvollen Zeichnungsserien, mit denen er seine Vorlesungen am CNAM vorbereitete, sind erhalten geblieben und dienen in der Ausstellung als roter Faden, der in einer Reihe thematischer Schautafeln Prouvés Werk erschließt. In diesen Bildübersichten erklären die beiden Kuratoren, die Schweizer Architekten und Architekturhistoriker Bruno Reichlin und Franz Graf, die verschiedenen Gebäudekonstruktionen, unterschiedlichen Typen von Verbindungen, manuelle und maschinelle Produktionsverfahren, Prouvés Denken in Systemen und Synergien und illustrieren schließlich den Kontext der Architektur und des Designs seiner Zeit.

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen jedoch die Exponate über 50 Möbel, zahlreiche Architekturmodelle, originale Architekturelemente und eine Auswahl der Originalzeichnungen, die vor wenigen Monaten aus den Archiven in Nancy in die Sammlungen des Centre Georges Pompidou in Paris überführt wurden. Ergänzt um Filme und Computeranimationen zu einzelnen Projekten bietet die Ausstellung eine umfassende Einführung in Prouvés technisches Denken und einen eindrucksvollen Überblick über sein Gesamtwerk.

Die Ausstellung wird von einem reich illustrierten Katalog begleitet, der einen strukturierten Überblick über Prouvés Ideen, seine Produktionsmittel, die Zusammenarbeit mit Architekten und Ingenieuren sowie seine Möbel, Gebäude und Konstruktionssysteme vermittelt. Mit Beiträgen von über 40 Autoren und über 600 Abbildungen – darunter von zahlreichen Zeichnungen – sowie Prouvés eigenen Texten liefert dieser von Catherine Dumont d'Ayot und Bruno Reichlin zusammengestellte Katalog die bislang umfassendste Erklärung der Arbeit Jean Prouvés. Den Katalog gibt es in einer deutschen, englischen, französischen und japanischen Ausgabe.

Ausstellung und Katalog, an denen auch die französische Kunsthistorikerin Catherine Coley sowie Prouvés jüngste Tochter, Catherine Prouvé, mitgewirkt haben, wurden gemeinsam mit dem Konsortium "Design Museum Factory" der Tokioter Keio Universität und unter der Regie des Vitra Design Museum in Weil am Rhein organisiert, wo die Ausstellung vom 23. September bis Ende März 2007 zu sehen sein wird.

Begleitprogramm

28. Juni 2006, 18 Uhr, im Auditorium des DAM
Die Berliner Rostlaube und die neue Bibliothek von Norman Foster

Einführung:
Berndt Dugall, Frankfurt, Direktor der Universitätsbibliothek Frankfurt
Vorträge:
Manfred Schiedhelm, Berlin, Architekt und Partner von Candilis Josic Woods
Klaus Ulrich Werner, Berlin, Bibliotheksdirektor der Philologischen Bibliothek Berlin
Christian Hallmann, Berlin, Projektleiter Foster and Partners

Das als „Rostlaube“ bekannte Gebäude der Freien Universität in Berlin ist Prouvés einziger Bau in Deutschland. 2005 wurde das Hochschulgebäude durch Fosters spektakulären Bibliotheksneubau ergänzt. Foster nimmt Prouvé als Vorbild für sich in Anspruch und konnte sich nun direkt mit ihm architektonisch auseinandersetzen. Die Vorträge spannen den Bogen von der ursprünglichen Planung in den 70er Jahren zur heutigen Erweiterung.

12. Juli 2006, 19 Uhr, im Auditorium des DAM

Mein Vater Jean Prouvé.
Vortrag von Catherine Prouvé, Paris, Geschäftsführerin der Société civile d’exploitation Jean Prouvé
Die Tochter Prouvés verwaltet den Nachlass ihres Vaters und unterstützt aktiv die Aufarbeitung des Werkes. Catherine Prouvé wird über den Mensch Jean Prouvé und die Stationen seines Lebens sprechen.

Werke von Jean Prouvé von 1923 bis 1984
Vortrag von Peter Sulzer, Gleisweiler, Prof. em. Universität Stuttgart
Peter Sulzer ist Autor des vierbändigen Werksverzeichnisses und damit einer der profundesten Kenner von Prouvés Arbeiten. Peter Sulzer wird einen Überblick über Prouvés Œuvre geben.

23. Juli 2006, 18 Uhr, im Auditorium des DAM
Jean Prouvés Tropenhaus
Vortrag von Robert Rubin, New York, Prouvé-Sammler
1949 hat Prouvé das Tropenhaus als Prototypen für ein kostengünstiges, vorfabriziertes Gebäude entworfen, das in Frankreich produziert und in Einzelteile zerlegt in die französischen Überseekolonien verschifft werden sollte. Das sechs mal sechs Meter große Haus hatte Prouvé in seiner eigenen Werkstatt angefertigt. Der einzige gebaute Prototyp stand ein halbes Jahrhundert lang in Brazzaville/Kongo. Der Besitzer Robert Rubin hat das Haus nun dem Centre Pompidou in Paris vermacht.

 

Herausgeber: © Deutsches Architekturmuseum Frankfurt a.M., Schaumainkai 43, 19.02.2018